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Rachel Dror / Alfred Hagemann / Joachim Hahn (Hg.)

Jüdisches Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt
Klartext-Verlag, Essen 2006
info@klartext-verlag.de

30 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Klappenbroschur,
2,50 €, ISBN 3-89861-625-8





Durch bürgerschaftliches Engagement, Schulprojekte und Denkmalinitiativen ist seit wenigen Jahren die ehemalige jüdische Gemeinde in Bad Cannstatt wieder in den Blick geraten, die durch die Eingemeindung Cannstatts (1904) zur zweiten Synagogengemeinde Stuttgarts wurde.

Rachel Dror, Alfred Hagemann und Joachim Hahn, alle drei im christlich-jüdischen Dialog engagiert, möchten das »Jüdische Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt« durch einen kommentierten und illustrierten Stadtrundgang bzw. die Präsentation aktueller Initiativen (wieder) anschaulich machen.

Ausgehend von den ersten Nachweisen über jüdische Bürger in Cannstatt und der im 19. Jahrhundert erfolgten Gemeindegründung wird besonders auch der Beitrag jüdischer Unternehmer für die Industrialisierung Cannstatts dargestellt.

Kurze Personenporträts lassen Querverbindungen zwischen individueller Biographie und Zeitkontext deutlich werden.

Weiterhin wird die NS-Zeit sowie die Zerstörung der Gemeinde thematisiert, aber auch das vielfältige Engagement für ein angemessenes, in die Gegenwart hineinwirkendes Erinnern: das Schulprojekt »Denkmal erfahren« und die Cannstatter „Stolperstein“-Initiative.




Stadtrundgang auf den Spuren jüdischen Lebens

Initiative am Albertus-Magnus-Gymnasium engagiert sich für christlich-jüdischen Dialog

Bad Cannstatt. Das Schulprojekt "Denkmal erfahren" hat den Anfang gemacht. Mit der illustrierten und kommentierten Publikation "Jüdisches Leben in Cannstatt" haben die Herausgeber Rachel Dror, Alfred Hagemann und Joachim Hahn in Zusammenarbeit mit vier Schülern die Initiative fortgesetzt.

Wie viel jüdisches Leben ist in Cannstatt noch zu entdecken? Die Publikation "Jüdisches Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt" veranschaulicht, wo und wie jüdische Kultur Cannstatt geprägt hat. “Es hat Zeit gebraucht, bis die Menschen bemerkt haben, dass Lücken da sind, die gefüllt werden”, sagt Alfred Hagemann, Religions- und Deutschlehrer am Albertus-Magnus-Gymnasium. Er ist Initiator der Publikation. Die Vorleistung dazu hat Joachim Hahn, Theologe und Fachmann für jüdische Geschichte in Baden-Württemberg geleistet, der seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet forscht. Er hat damit den Grundstock für die kommentierte und illustrierte Broschüregelegt, die jüdisches Leben in Cannstattaber, auch aktuelle Initiativen anschaulich machen will.

Alfred Hagemann und Rachei Dror, die Vorsitzende des “Projekts Schule” der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, haben das Projekt dann umgesetzt. "Wir waren selbst erstaunt, wie viele Überreste jüdischer Kultur noch vorhanden und wie vielseitig die Zusammenhänge sind", sagt Hagemann. Auch Rachel Dror, die als Zeitzeugin an Schulen Aufklärunsgarbeit leistet über das deutsche Judentum, ist von der Fülle der Entdeckungen begeistert: "Ich habe viel Neues erfahren.” Vor allem die klar umrissenen Biografien Cannstatter Bürger, zu deren Rekonstruierung auch die Initiative Stoplersteine beigetragen hat, seinen von großem Wert. “Die jüdische Kultur in Deutschland ist verloren gegangen”, sagt sie – und obwohl sie fester Bestandteil der bürgerlichen Welt gewesen sei.

Ausgehend von den ersten Nachweisen über jüdiische Bürger in Cannstatt und der im 19. Jahrhundert erfolgten Gemeindegründung wird besonders der Beitrag jüdischer Unternehmer für die Industrialisierung Cannstatts dargestellt.

Aufwendiger noch als die Arbeit an der Broschüre sei es gewesen, das Geld - rund 2500 Euro - dafür aufzutreiben. Die Landeszenträle für politische Bildung, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Schulverein haben das Projekt letztendlich möglich gemacht. Als Fortsetzung zum Projekt denkt Hagemann schon über die Ausbildung von Stadtführern nach.
Ulrike Koch

Neckarblick, 26.10.2006



An jüdisches Leben erinnern


 Bad Cannstatt: Neue Broschüre veröffentlicht

(ede) - Am 9. November 2004 wurde das Mahnmal zur Erinnerung an die Reichspogromnacht in der König-Karl-Straße der Öffentlichkeit übergeben. Jetzt gibt es eine 30-seitige Broschüre "Jüdisches Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt".

Die Cannstatter Synagoge, an deren Platz das "erfahrbare" Mahnmal steht, wurde am 9. November 1938 von Feuerwehrleuten auf Befehl der Stuttgarter Branddirektion angezündet, brannte total aus. Am Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) wurde 2001 in Zusammenarbeit mit dem Künstler Michael Deiml ein Workshop zum Thema "Denkmal, Mahnmal, Erinnerung" durchgeführt, begleitet von den Lehrern Matthias Lutzeyer und Alfred Hagemann. Die Arbeit der Schüler Sebastian Rupf, Andy Hartono und Nathalie Huber erhielt dabei den ersten Preis. Ihr Modell wurde drei Jahre später in Kooperation mit dem SBR in die Tat umgesetzt. Seitdem gibt es einen "erfahrbaren Parkplatz" mit verkohlten Balken und zweckentfremdeten Verkehrszeichen. Zur Eröffnung waren Innenminister Heribert Rech und Barbara Traub als Vertreterin der Israelitischen Religionsgemeinschaft gekommen.

Jetzt haben Rachel Dror von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Pfarrer Joachim Hahn und Alfred Hagemann, Lehrer am Albertus-Magnus-Gymnasium, die Broschüre "Jüdisches Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt" herausgegeben, das einen kommentierten und illustrierten Stadtrundgang beinhaltet und aktuelle Initiativen anschaulich präsentiert. Ausgehend von ersten Nachweisen über jüdische Bürger in Cannstatt und der im 19. Jahrhundert erfolgten Gemeindegründung wird besonders der Beitrag jüdischer Unternehmer für die Industrialisierung Cannstatts dargestellt. Es gibt Personenporträts und interessante Darstellungen und Pläne.

"Die Broschüre soll das jüdische Leben in Bad Cannstatt wertschätzen und lebendig halten und damit die Pflanze des Erinnerns wachsen und gedeihen lassen", sagte Eva Hötzel, die Vorsitzende des AMG-Schulvereins bei der Präsentation der Broschüre. Es habe mit einem Schulprojekt unscheinbar und unauffällig begonnen. Dann sei ein Stein ins Rollen gekommen, der zeige, "dass es dem menschenverachtenden Rassenwahn am Ende doch nicht gelungen ist, die tiefe Verwurzelung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger in unserem Land und speziell in Bad Cannstatt zu zerstören und das Andenken in Vergessenheit geraten zu lassen".

Cannstatter Zeitung, 11.11.2006


Auf den Spuren der Cannstatter Juden

 
Broschüre erinnert an die Geschichte der Gemeinde
 
Als am 11. Januar 1944 die 75-jährige Elise Berger nach Theresienstadt deportiert wurde, endete die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Cannstatt. Die Spuren dieser einst blühenden Gemeinde mit eigener Synagoge macht jetzt der illustrierte Stadtrundgang "Jüdisches Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt" wieder sichtbar.

VON HEIDEMARIE A. HECHTEL

In der Stadtgeschichte von Cannstatt sei die Zeit des Nationalsozialismus kaum aufgearbeitet, heißt es in dieser Broschüre. Nur an die Synagoge, die an der König-Karl-Straße stand und in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Flammen aufging, erinnert seit 1961 ein Gedenkstein.

Dass auf dem Grundstück, das heute als Parkplatz genutzt wird, vor zwei Jahren ein so genanntes erfahrbares Denkmal eingeweiht werden konnte, ist einem Projekt des Albertus-Magnus-Gymnasiums und dem Einsatz unter anderen von Rachel Dror, Alfred Hagemann und Joachim Hahn, alle drei im christlich-jüdischen Dialog engagiert, zu verdanken. Sie sind neben Rainer Redies von der Cannstatter Stolperstein-Initiative Herausgeber und Autoren der Broschüre.

1471 wird erstmals eine jüdische Familie in Cannstatt genannt, die Graf Ulrich V. gegen Bezahlung von 20 Gulden jährlich aufgenommen hatte. Dann wurden erst 1858 wieder 23 jüdische Einwohner gezählt. Damit sie nicht am Schabbat den weiten Weg bis zur Stuttgarter Synagoge in der Hospitalstraße zurücklegen mussten, richtete der Fabrikant Otto Pappenheim im Hintergebäude seiner Fabrik in der Hofener Straße einen Betsaal ein. Die Gemeinde wuchs und wünschte sich eine eigene Synagoge, die am 15. September 1876 eingeweiht werden konnte. Dass es die Männer der Cannstatter Feuerwache II waren, die auf Befehl des Stuttgarter Branddirektors das Gotteshaus in Brand setzten und dann den rauchenden Schutthaufen löschten - das erfährt man in dieser Broschüre.

Die Tragödie, die 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann, bekommt hier Namen und Biografien: Von jüdischen Bürgern wie Fritz Rosenfelder und dem Arzt Ernst Baer, die sich das Leben nahmen, von Alfred Neu, der in der Gaskammer von Grafeneck ermordet wurde, von der Familie Schwab, die wie neun andere Frauen und Männer bei der ersten Deportation nach Riga in den Tod geschickt wurden, und von den etwa 50 anderen, die in Theresienstadt oder Auschwitz umgebracht wurden.

Ihnen setzt nicht nur diese Broschüre, die mit einem Stadtplan zu den wichtigen Zeugnissen jüdischen Lebens führt, ein Denkmal. Die Erinnerung an Cannstatter Juden wird auch wach gehalten durch die Initiative Stolperstein, die von dem Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen wurde. Eine erste dieser im Boden eingelassenen Messingplatten vor dem Haus König-Karl-Straße 24 erinnert an Dr. Ernst Reichenberger, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

Die Broschüre gibt es für 2,50 Euro in den Cannstatter Buchhandlungen.

Stuttgarter Nachrichten, 21.11.2006










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