Fabian Brenker, Thomas Leitermann, Steffen
Semmler:
Der Standort der ehemaligen Synagoge in Cannstatt
und das Schülerprojekt "Denkmal erfahren"
Geschichtlicher Hintergrund
Von 1876 bis zum 9. November 1938 stand in der König-Karl-Straße in
Stuttgart-Bad Cannstatt die Synagoge der jüdischen Gemeinde. In der
Nacht zum 9. November 1938, der Reichspogromnacht, wurde auch die
Cannstatter Synagoge, wie fast alle anderen Synagogen im Land in Brand
gesetzt und völlig zerstört. Aufgrund der hölzernen Bauweise der
Synagoge, die aus ihrer ursprünglichen Nutzung als Reitstall
resultierte, blieb von ihr nach dem Brand nur verbranntes Holz und ein
Steinfundament übrig. Nach dem Krieg wurde der Platz der Cannstatter
Synagoge zu einem Parkplatz umgestaltet und als solcher weiterbenutzt.
Gestaltungsversuche der 1960er und
1980er Jahre
Das Erinnern an die jüdischen Cannstatter und ihre Synagoge
begann im Juli 1961 mit der Errichtung eines Gedenksteins durch die
Stadt Stuttgart: 16 Jahre nach Kriegsende wurde der leere ehemalige
Synagogenplatz als „Wunde“ im Cannstatter Stadtbild empfunden. Ein
bewusst „schlichter Gedenkstein“ von zwei Metern Höhe und einer
Bronzetafel sollten an der König-Karl-Straße daran erinnern, „dass jene
Vergangenheit keine Zukunft bekommt“. Am neu gestalteten Ort fanden in
den darauffolgenden Jahren auch Gedenkfeiern an die Pogromnacht von
1938 statt (u.a. 1963). Im April 1987 ließ das bleibende Unbehagen über
den Zustand des Platzes den „Verein zur Förderung ’Pflanzt einen Baum
in Stuttgart’ e.V.“ aktiv werden: Der Gedenkstein wurde vom Rand zur
Mitte des Grundstücks versetzt und mit sieben Säulenhainbuchen umgeben.
Die Erinnerung an den „authentischen Ort“, an den historischen Standort
der Synagoge, ging aber immer mehr verloren.
Die Entstehung des Projekts
Bei dem seit 1996 jährlich stattfindenden „Gedenktag an die Opfer des
Nationalsozialismus“ sind besonders die Schulen dazu aufgerufen
neuartige Formen des Erinnerns zu entwickeln. Aus diesem Anlass gab es
am Albertus-Magnus-Gymnasium in Stuttgart Sommerrain im Januar 2001
einen Workshop des Stuttgarter Künstlers Michael Deiml, der außerdem
von zwei Lehrern, Matthias Lutzeyer und Alfred Hagemann betreut wurde.
Er trug den Namen „Denkmal, Mahnmal, Erinnerung“. Im Mittelpunkt des
Workshops stand ein Wettbewerb mit dem, damals noch fiktiven,
künstlerischen Auftrag für den „Gedenkort ehemalige Synagoge Bad
Cannstatt“. Es sollten Mittel und Wege gefunden werden die Erinnerung
an die ehemalige Synagoge aufrecht zu halten und gleichzeitig als
Zeichen für Toleranz und den Umgang mit Minderheiten stehen. Daraufhin
bildeten sich fünf Gruppen, die nun mehrere Monate Zeit hatten ihre
Modelle zu entwerfen, bevor Ende Juni 2001 eine Jury die Gewinner
prämierte. Den ersten Preis erhielte die Arbeitsgruppe von Sebastian
Rupf, Andy Hartono und Nathalie Huber: „Denkmal erfahren“
Schon bald darauf wurden die Gewinner in die Öffentlichkeit
geladen und
präsentierten ihren Entwurf unter anderem vor dem Bezirksbeirat Bad
Cannstatt und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg.
Aufgrund der guten Resonanz seitens der Öffentlichkeit, machten sich
die Verantwortlichen auf Geld zu sammeln um das Projekt zu realisieren.
20.000 Euro wurden als Gesamtsumme veranschlagt. Als seitens der
Behörden die Genehmigungen vorlagen und die Gelder gesichert waren (der
Stuttgarter Fonds „Zukunft der Jugend“, der Bezirksbeirat Cannstatt,
die Landeszentrale für politische Bildung und der Elternbeirat des
Albertus-Magnus-Gymnasiums leisteten hier tatkräftige Hilfe), setzten
Schüler des AMG zusammen mit der gemeinnützigen Firma SBR das Modell in
die Realität um. Sie gestalteten den Parkplatz in ein „er-fahrbares“
Mahnmal um, das auf die aktuelle Nutzung des Parkplatzes anspielt sowie
auf die Synagoge und auf bekannte berühmte Cannstatter Juden, von denen
einige auch Opfer des Dritten Reiches waren, hinweist. Es soll
die Menschen sensibilisieren und sie zum Nachdenken anregen. Zum
pädagogischen Begleitprogramm gehörte auch ein Besuch der Projektgruppe
im Konzentrationslager Dachau.
Eingeweiht wurde das Mahnmal am 9. November 2004 von Innenminister
Heribert Rech, Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster. und Barbara als
Sprecherin der Gemeinderepräsentanz. Die Israelitische
Religionsgemeinschaft verlegte aus diesem Anlass sogar ihre jährliche
Gedenkfeier zur Reichspogromnacht nach Bad Cannstatt.
Das Konzept
In der Begründung der Jury heißt es: „Die Arbeit ist als
spannungsvolles Pendant zum alten Denkmal konzipiert worden. Aus beiden
Elementen entsteht ein begehbares Gesamtkunstwerk und es werden dadurch
zwei Phasen des Umgangs mit Erinnerung und Gedenken nachvollziehbar.
Der Umraum des Gedenksteins, der eigentliche Standort der Cannstatter
Synagoge, der zurzeit als Parkplatz dient, wird einbezogen. Auf
spielerische Art werden Verkehrszeichen in Teile eines Denkmals
verwandelt. Der Betrachter wird als Autofahrer, der das Denkmal in
doppeltem Sinne "er-fährt", einbezogen. An den Grenzen der Parkbuchten
sorgen verfremdete Schilder, angebrannte Holzbalken und
Ziegelsteinbrocken für Irritationen. Die Materialien thematisieren
gleichzeitig den Brand der ehemaligen Synagoge (Pogromnacht 1938) und
die jetzige "Zweck-Entfremdung" des Standortes. Der auf die
Asphaltdecke aufgetragene ziegelrote Grundriss der Synagoge unterstützt
dieses Anliegen und betont zudem die fast vergessenen historischen
Gegebenheiten, den tatsächlichen Standort des Cannstatter
Synagogengebäudes im Zeitraum 1876-1938. Eine weitere Konkretisierung
und Individualisierung des Erinnerns geschieht durch die Installation
von zehn Metalltafeln mit Biographien jüdischer Cannstatter auf den
Fensterrahmen des Treppenhauses des sich unter dem Parkplatz
befindlichen Zivilschutzraumes. Durch den Betrachter, der das Denkmal
bzw. den Parkplatz wieder verlässt, werden die Handlungsimpulse in die
Stadt hineingetragen. Das Denkmal hat vor allem innovative Qualität; es
verwendet zeitgenössische Gestaltungsmittel und ist weiter
entwickelbar.“
Ausblick
Inzwischen wird das Mahnmal vom Albertus-Magnus-Gymnasium im Rahmen des
SMV-Konzepts „Soziales AMG – Schüler aktiv für ihre Schule“ gepflegt.
Eine Informationstafel, die aus Kostengründen zunächst verwirklicht
werden konnte, ist in Planung und wird im November 2008 installiert.
Die Stolperstein-Initiative Bad Cannstatt versteht sich außerdem als
„sinnvolle Erweiterung und Fortführung des Projekts ’Denkmal erfahren’“.
Literatur
• Schulprojekt
Patrick G. Boneberg: Denkmal erfahren –
Erinnerung durch Irritation,
Schülerinnen und Schüler gestalten den Platz der ehemaligen Synagoge
Bad Cannstatt neu. In: Magazin Schule, Ministerium für Kultus, Jugend
und Sport, 15/2005, S. 40-41.
• Jüdisches Leben in
Bad Cannstatt
Rachel Dror, Alfred Hagemann, Joachim Hahn (Hg.): Jüdisches Leben in
Stuttgart-Bad Cannstatt. Esssen 2006.
Internet
http://www.alemannia-judaica.de/cannstatt_synagoge.htm
http://www.amgs.de