Akzeptanz durch Aufklärung

Beim Synagogenbesuch von Jugendlichen entsteht ein christlich-jüdischer Dialog

Rachel Dror lenkt die Blicke der 120 Jugendlichen auf zwei hellrote Tafeln. Die stummen Zeugen aus Stein sind das einzige, was von der alten Stuttgarter Synagoge geblieben ist. Als Mahnmal wurden sie In die Wände der neuen Synagoge eingemauert. Nach dem 9. November 1938 vom damaligen Hausmeister unter Lebensgefahr aus den Trümmern des Gotteshauses geborgen, sind da untrennbarer Bestandteil der heutigen Synagoge und vergegenwärtigen täglich das, was war. "Sie sollen davor bewahren, daß ähnliches wieder passiert" sagt Rachel Dror bei ihrer Führung für Schülerinnen und Schüler. An drei Tagen du Woche erklärt sie den Jugendlichen diesen jüdischen Ort der Versammlung, und das seit fast zehn Jahren.

Ihre 12- bis 16jährigen Zuhörer haben auf den dunklen Holzbänken, in der Synagoge Platz genommen. "Ich bin keine Religionslehrerin, ich habe Religion gelebt und erlebt", stellt sieh Rachel Dror vor und ignalisiert den Gymnasiasten damit, daß diese keine Lehrstunde in Sachen Judentum zu erwarten haben. Sie möchte den Jugendlichen die jüdische Religion näherbringen, indem sie Unterschiede anspricht, Hintergründe erklärt und für Fragen offen ist. Mit pädagogischem Gespür und, wenn nötig, einer wohldosierten Portion Strenge in der Stimme erläutert sie, wie man Jude wird. Oder, daß das Judentum insgesamt 613 Ge- und Verbote kennt. Missionieren liegt ihr fern - Rachel Dror beabsichtigt, durch Aufklärung Verständnis und Akzeptanz zu erreichen, und das vor allem bei Jugendlichen. Sie führt Heranwachsende durch die Stuttgarter Synagoge oder besucht unzählige Schulen in der Region, wo sie als Zeitzeugin ihre Erlebnisse während des schildert. Für ihre beharrliche Aufklärungsarbeit erhielt die 75 Jahre alte Dame zu Beginn dieses Jahres die Otto-Hirsch-Medaille von der Landeshauptstadt, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Israelitischen Religionsgemeinschaft. Einige Schüler des Albertus-Magnus-Gymnasiums, die wie ihre Altersgenossen des Königin-Charlotte-Gymnasiums an der Synagogenführung teilnehmen, kennen Rachel Dror bereits. Bei einem Bestich in der Schule erzählte sie ihnen über ihre Kindheit im ostpreußischen Königsberg Dror berichtet, daß sie wegen Antisemitismus 1935 die Schule verlassen mußte und 1939 mit dem letzten legalen Schiff nach Palästina flüchtete. Ihre Eltern wurden zwischen 1944 und 1945 in Auschwitz ermordet. 1948 trat Rachel Dror dann in den Polizeidienst ein und übernahm den Verkehrsunterricht in 25 Schulen im Raum Haifa. 1957 kehrte sie, inzwischen verheiratet und Mutter einer Tochter, nach Deutschland zurück. Über diese Erzählungen wird Zeitgeschichte für die Schülerinnen und Rachel Dror versteht es, den Jugendlichen die Information mit aktuellen Bezügen zu vermitteln. Nach einer festgelegten Ordnung werden sieben Gemeindemitglieder zur Thoralesung aufgerufen, darunter in zweiter Stelle ein Mann vom Stamm der Leviten Auch der Amerikaner Levis, der Erfinder der gleichnamigen Jeans, sei ein Nachkomme von ihnen, sagt sie, wohl wissend, welchen Klang der Markenname bei den Jugendlichen hat. Die Mesusa genannten Zeichen an den Türpfosten jüdischer Häuser, in denen ein Gebet aus den fünf Büchern Mose enthalten sei, erinnerten an den Auszug aus Ägypten und daran, daß die Juden selbst einmal Sklaven in einem fremden Land waren. "Ich möchte euch erzählen, wie mir das ging, als ich nach Deutschland kam, damit ihr seht, daß das keine Theorie ist." Sie habe sich selbst "wie eine Fremde im eigenen Land gefühlt", erinnert sich Rachel Dror.

Die anfängliche Scheu scheint unter den Schülern nun verflogen. Die Unvoreingenommenheit und Offeneheit der Referentin erleichtert es ihnen, Fragen zu stellen. "Warum dürfen Juden samstags nicht Auto fahren?" möchte ein Junge wissen. Er folgert es sei, logisch, wenn die Gläubigen samstags mit dem Auto zur Synagoge fahren dürften, würden vielleicht mehr zum Gottesdienst kommen. In welcher Sprache die Gottesdienste gehalten werden, möchte ein Mädchen wissen und wundert sich, daß es Gebetbücher sogar auf russisch gibt. Ein Raunen geht durch die Reihen, als Rachel Dror erzählt, daß der Gottesdienst samstags rund drei Stunden dauert. Die Tatsache, daß man als Jude geboren wird und es bleibt, selbst wenn man zwischenzeitlich getauft wurde, veranlaßt einen Schüler zu der Frage, inwieweit dies mit dein Recht auf freie Religionsausübung vereinbar sei.

"Es gibt viele Dinge, die bei uns etwas anders sind", sagt Rachel Dror. Mit Aufrichtigkeit fördert sie den Dialog zwischen den Religionen. Auch Meinhard Tenné, Sprecher des Vorstands der Israelitischen Religionsgemeinschaft, würdigte bei der Verleihung der Otto-Hirsch-Medaille ihre Anstrengungen um die Verständigung der Religionen. Letztere ist notwendig, weiß ein Lehrer, der seine Klasse in die Synagoge begleitet hat. Denn Vorurteile werden über Generationen transportiert, und zwar unabhängig von Personen und Zeiten.
 
 

la, Amtsblatt der Stadt Stuttgart, Januar 1996



Sachinformationen über den Synagogenbesuch

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