Alfred Hagemann

Baustein A: "Besuch in einer Synagoge" (Auszug)

(s. auch Synagogenführung mit Rachel Dror)
 
 
 
 

1. ZUR EINFÜHRUNG

Sechzig Jahre nach der Pogromnacht des 9. November 1938, der Zerstörung fast aller Synagogenbau ten und dem beginnenden Ende der jüdischen Gemeinden im nationalsozialistischen Deutschland, belebt und erneuert sich - unter veränderten Vorzeichen - das jüdische Leben in der Bundesrepublik.

Die Mitgliederzahl der achtzig jüdischen Gemeinden hat sich in den vergangenen zehn Jahren durch die Zuwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion auf ca. 67.500 verdoppelt. Durch diesen Mitgliederzuwachs und viele Neugründungen ist die jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zur Zeit in einer Phase des Umbruchs und der Neubesinnung.

Als einen "neuen Anfang nach dem Ende" bezeichnete ein Kölner Symposion 1996 diese Zäsur in der Geschichte der Neugründung der jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 1945. Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung betonte anläßlich der Einweihung der neuen Aachener Synagoge im Mai 1995, daß die Zeit für den Bau jüdischer Gotteshäuser im Augenblick so günstig "wie zuletzt Mitte des vorigen Jahrhunderts" sei.

Stellvertretend für die zahlreichen sich in Entwicklung befindlichen Bauprojekte sei die neue Synagoge Dresdens genannt, für die bei den Elbterrassen - ihrem historischen Ort - am 9. November 1998 der erste Spatenstich erfolgte.

Ein spezifischer Neubeginn geschieht also, der auch die Schulen dazu auffordert, sich neu mit den jüdischen Gemeinden und ihren Synagogen zu befassen und die aktuellen Entwicklungen in die gängigen Unterrichtsreihen zu integrieren.

Dies gilt umso mehr, weil die zugehörigen Themen, wie beispielsweise "Weltreligionen", "Judentum", "Nationalsozialismus" und "Holocaust", heute zwar ihren festen Platz im Unterricht haben, eine Anbindung an die Alltagswirklichkeit der Schüler aber häufig fehlt. Die Gefahr, daß "nur" Lehrbuchwissen ohne einen Lebensbezug vermittelt wird, daß nur "über", aber nicht "mit" Juden gesprochen wird, deutet sich an. Motivationsprobleme in diesen Themenbereichen sind überdies nur zu bekannt. Ein weiteres Problem ist die Kompetenz der Lehrer, die zwar jüdische Religion und jüdische Lebensweise aus "Expertensicht" vermitteln sollen, aber als Nichtjuden dabei häufig an Grenzen geraten.
 
 

Ein Synagogenbesuch in der eigenen Stadt oder in der näheren Umgebung kann dazu positive Impulse und Ergänzungen bieten. Dabei geht es nicht nur um die Besichtigung eines Gebäudes (noch dazu au ßerhalb seiner eigentlichen Nutzungszeiten), son dern vielmehr um die Begegnung mit einem Menschen. Für die Schüler bietet sich die seltene Gelegenheit, an einem "authentischen" Ort mit einem jüdischen Gesprächspartner über das Judentum (und häufig auch sich selbst) sprechen zu können. Hier können sie sich an Ort und Stelle informieren und sich ein eigenes Urteil bilden. Fremdheit und fehlendes Verständnis werden abgebaut, indem die Schüler merken, daß der "Typ da vorn" - wie sie sagen - "ganz normal" ist. In der Offenheit, in der diese Gespräche erfahrungsgemäß stattfinden, kann das gesamte Themenspektrum jüdischen Lebens angesprochen werden. Die Stärke der Gesprächspartner aus den jüdischen Gemeinden ist es, "Religion gelebt und erlebt" zu haben. Dies spricht Schüler besonders an, wie sich schon bei vielen derartigen Veran staltungen gezeigt hat. Hinzu kommt die Motivation, aus der Schule hinausgehen zu dürfen und einen neuen Ort kennenzu lernen, an dem besondere "Spielregeln" (angefangen bei der Kopfbedeckung bis hin zu den Sicherheitskontrollen) gelten.

Die Besichtigung des Synagogenraums und die "Fragerunde" können einigen Gemeinden (wie z.B. Stuttgart) durch ein gemeinsames Essen im koscheren Restaurant ergänzt werden. Die Speisegesetze können dabei ganz "praktisch" erfahren werden; der mehr kognitiv-argumentative Zugang zum Judentum kann um einen kulinarischen erweitert werden.

Erfolgversprechend scheint hierbei ein fächerübergreifender Ansatz zu sein. Denkbar ist, daß Religion/ Ethik, Geschichte, Deutsch, Erdkunde und Bildende Kunst zu sammenarbeiten und festlegen, an welchem Schnittpunkt der Unterrichtsreihen (sei es etwa Judentum", Stadtgeographie, Jugendbuch" oder NS-Zeit) der Synagogenbesuch sinnvoll ist, und welche Vor- und Nachbereitung die einzelnen Fächer leisten können. Außerdem bleibt zu überle gen, ob es auch außerschulische Gelegenheiten gibt, zu denen man die Schüler zu einem Besuch in Synagoge und Gemeindezentrum ermuntern kann, z.B. zur Gedenkfeier anläßlich des 9. Novembers oder zu öffentlichen Veranstaltungen wie Konzerten, dem WIZO-Basar oder der Woche der Brüderlichkeit. Der Jüdischen Gemeinde Mannheim ist es beispielsweise ein großes Anliegen, in die Stadt hineinzu wirken und "Kulturadresse" für alle Mannheimer zu sein.

Wie im Baustein B näher erläutert, bringt es die historische Entwicklung mit sich, daß heute in den meisten Fällen die "Synagoge", der Gebetsraum im engeren Sinn, in ein multifunktionales Gemeindezentrum integriert ist. Beide Aspekte sollen im folgenden deshalb berück sichtigt, gleichwohl aber begrifflich voneinander getrennt werden. Gleiches gilt für die Konzeption der "Einheitssynagoge", die orthodoxes und liberales Judentum in einer Gemeinde bzw. Synagoge vereint.
 
 
 
 

2. ZIELSPEKTRUM

Aus den dargelegten Überlegungen ergibt ein Zielspektrum, daß sich in zwei Bereiche gliedern läßt. Ein erster Teil kann durch den Einsatz der vorgelegten Materialien (in Verbindung mit den vorhandenen Lehrbüchern) erreicht werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen
 
 

Ein zweite Gruppe von Lernzielen kann nur durch einen Synagogen- oder Gemeindebesuch "vor Ort" erreicht werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen


 
 

3. ORGANISATION

Allgemein gilt: Voranmeldung; eventuell kurzes Vorgespräch mit demjenigen, der die Synagogenführung durchführt; Kopfbedeckung für die männlichen Teilnehmer (wird in Mannheim gestellt): gezielte Vorbereitung der Schüler durch Integration des Synagogenbesuchs in eine Unterrichtseinheit; offene Fragen und Interessengebiete aus dem Unterricht zusammenstellen, eventuell schriftlich fixieren und mitnehmen
Anschriften

Heidelberg

Jüdische Kultusgemeinde
Häusserstr. 10-12
69115 Heidelberg

Tel. 06221/90 52 40; Fax 16 30 08

  • Selbstkostenbeitrag bei einer Gruppe bis sieben Personen 30,- DM, bei einer Gruppe ab sieben Personen 60,- DM; schriftliche Voranmeldung 
 
Karlsruhe

Jüdische Gemeinde
Knielinger Allee 11
76135 Karlsruhe

Tel. 0721/7 20 35 (Büro)

 

Mannheim

Jüdische Gemeinde
F 3,4
68159 Mannheim

Telefon 0621/153974
 
 

  • nur Gruppen aus dem Mannheimer Einzugsgebiet 
  • Gruppengröße: mindestens 15, maximal 35 Teilnehmer 
  • schriftliche Voranmeldung 
 
Stuttgart

Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs
Hospitalstr. 36
70174 Stuttgart

Tel. 0711/22836-0 (Büro)

Tel. 0711/22836-45 (Restaurant ãSchalom")
 
 

  • Schülerliste mit Namen und Adresse, Lehrer mit Personalausweis 
  • wegen eventuellem ist Essen separate Voranmeldung im Restaurant Schalom notwendig 
 

 

4. VORSCHLÄGE FÜR DEN UNTERRICHT
 
 

Das thematische Spektrum wurde in sieben Teilabschnitte ausdifferenziert:

(...)

Die vorgelegten Materialien müssen je nach Schwerpunktsetzung ausgewählt und ergänzt werden Für die Erarbeitung bietet sich die Form des Lernzirkels an. Für jüngere Schüler könnten die Fotos in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden zum Ausgangspunkt gewählt werden.

Die Materialien A 1-3 geben Grundinformation über die Synagoge und ermöglichen die Anwendung anhand eines Grundrisses der noch zu besuchen den bzw. bereits besuchten Synagoge. (Zusätzliche Informationen zur historischen Entwicklung bietet u.a. GRÜBEL, S. 47f.)

Weitere Einrichtungsgegenstände bzw. Funktionsräume könnten bei der Führung erfragt werden. (Selbstverständlich können sind nicht alle relevanten Räumlichkeiten des Gemeindezentrums für eine Besichtigung geöffnet. Ausnahmen bilden etwa der WIZO-Basar oder Festveranstaltungen.) (...)
Material A2: Innenraum der Stuttgarter Synagoge
Material A3: Innenraum der Karlsruher Synagoge
Synagogenführung mit Rachel Dror

 

5. LITERATURHINWEISE
 
 

Berger, Dr. Joel [Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs]: In der Synagoge. In: Antisemitismus, Vorurteile und Mythen, hrsg. v. Julius H. Schoeps u. Joachim Schlör, Frankfurt o.J., S. 67-73.

Berger, Noemi: Das koschere Kochbuch. Gelebte Tradition und deren Bedeutung für den jüdischen Alltag und an den jüdischen Feiertagen, Stuttgart 1995. [über WIZO-Gruppe Württemberg e.V. zu beziehen; Tel. 0711/ 2264901; Fax 2283618; Preis 29 DM]

Folberg, Neil/ Yom Tov Assis: Dass ich mitten unter ihnen wohne. Historische Synagogen, Köln, München, 1996.

Grübel, Monika: Judentum. Köln 1996.

Hagemann, Alfred: Jüdisches Alltagsleben und jüdi sche Kultur - heute und in der Verfolgungssituation der NS-Zeit. In: Ulrike und Bernhard Breunig (Hg.): Fächerübergreifender Unterricht. Kissing 1997, 12/2.2, S. 1-37.

Hahn, Joachim: Synagogen in Baden-Württemberg. Stuttgart 1987.

Hammer-Schenk, Harold: Synagogen in Deutsch land. Geschichte einer Baugattung im 19. und 20. Jahrhundert, 2 Bde., Hamburg 1981.

Jüdisches Gemeindezentrum Mannheim F3: Fest schrift zur Einweihung. Hrsg. vom Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe, Mannheim 21990.

Klusak, Sebastian: In welchem Stil sollen wir bauen? Geweihte Monumente im Stadtgefüge: Neue Synagogen in Aachen und anderswo, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.1995, S. 36.

Lau, Israel M.: Wie Juden leben.Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh 1990.

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